Viele fallen durch die Statistik


Wohnungslosigkeit stellt vielleicht die schlimmste Form der Armut dar, und zwar 365 Tage im Jahr. Der Tag der Wohnungslosen Menschen am 11. September 2024 richtet bundesweit die Aufmerksamkeit auf das Thema. Die Zahl der Menschen, die zum Stichtag am 31. Januar 2024 nach den Meldungen von Kommunen und Einrichtungen wegen Wohnungslosigkeit untergebracht waren, lag bei 439.500 (Quelle: Destatis).
„Diese Zahl ist die Spitze des Eisbergs, denn sie bildet nur einen Teil des großen Ausmaßes der Wohnungsnot in unserer Gesellschaft ab,“ sagt Anne Domachowski-Schneider, stellvertretende Leiterin im Haus Sankt Martin am Autoberg. Die Wohnungsloseneinrichtung des Caritasverbands Main-Taunus e.V. in Hattersheim setzt sich seit mehr als 20 Jahren für Menschen ohne feste Unterkunft ein.
Nicht erfasst in dieser Statistik seien diejenigen, die in verdeckter Wohnungslosigkeit bei der Familie oder bei Bekannten untergekommen sind, sowie Obdachlose, die auf der Straße leben, erklärt Anne Domachowski-Schneider. Auch Personen, die in Frauen- und Gewaltschutzräumen unterkommen, ganzjährig im Wohnwagen, in Schrebergärten oder Billigpensionen wohnen, sind nicht mitgezählt, führt sie aus. „Wohnungslos ist man, wenn die eigene Wohnform mietrechtlich nicht abgesichert ist,“ erklärt die Sozialarbeiterin. Laut Schätzung von Experten leben rund 45.000 Menschen ohne jegliche Unterkunft in Deutschland.
Appell für einen Fokus auf die Wohnraumsicherung
„Wünschenswert wäre aus unserer Sicht ein Ausbau präventiver Angebote, damit Menschen nicht in eine Wohnungslosigkeit rutschen,“ sagt Ludger Engelhardt-Zühlsdorff, Vorstand des Caritasverbands Main-Taunus. „Bei drohenden Mietrückständen oder in schwierigen Lebensphasen kann eine ‚Fachstelle Wohnraumsicherung‘ zeitnah unterstützen. Hier ist mehr kommunales Engagement gefragt - für diejenigen in Notsituationen“, führt er aus. „Eine koordinierende Fachstelle in der kommunalen Verwaltung hätte das Ziel im Blick, mit Hilfen den vorhandenen Wohnraum zu erhalten.“
Der Vorstand des Caritasverbands Main-Taunus nennt als positives Beispiel für eine verlässliche kommunale Unterstützung das ‚Wiener Modell‘: Die Stadt Wien bietet eine Großzahl erschwinglicher Gemeindewohnungen und greift so preisdämpfend auf den privaten Wohnungsmarkt ein. „Mit einer Stärkung von kommunalen Wohnungsbaugesellschaften ließe sich der Ansatz ‚housing first‘ gut umsetzen“, so Engelhardt-Zühlsdorff.
Übergangswohnen als mögliche Unterstützung für Obdachlose
Auch Klaus Störch, Leiter des Hauses Sankt Martin am Autoberg, sieht einen wachsenden Bedarf an Hilfe-Angeboten. „Um wohnungslosen Menschen von der Obdachlosenunterkunft oder der Straße den Weg zu einer Wohnung zu ermöglichen, sind niedrigschwellige Zugänge zum professionellen Hilfe- und Unterstützungssystem nötig,“ betont er. Diese Aufgabe übernimmt die Hattersheimer Anlauf-, Beratungs- und Versorgungsstelle für wohnungslose Personen in besonderen sozialen Schwierigkeiten nach § 67 SGB XII.
Das Ziel der Vermittlung von Wohnraum für diesen Personenkreis ist in den letzten Jahren immer herausfordernder geworden, stellt er fest: „Die Wohnungsnotfallhilfe muss sich der steigenden Zahl von Hilfesuchenden bei wenigem potenziellem Wohnraum stellen.“
Das Anliegen der Fachstelle ist daher die Entwicklung einer „Hilfe zum Bleiben“. Aktuell gibt es konzeptionelle Überlegungen zur Einführung eines Übergangswohnens. Die mögliche Unterstützungsform des Übergangswohnens könnte Menschen ohne festen Wohnsitz helfen, die einen längerfristigen Aufenthalt zur Re-Integration in die Gesellschaft benötigen und (noch) keine eigene Wohnung haben oder eine eigene Wohnung nicht halten können. Erste Gespräche mit dem Landeswohlfahrtsverband Hessen (LWV) und dem Kreis sollen noch in diesem Herbst geführt werden.